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"Draußen ist es noch dunkel – das ist meine Zeit. Ich bin Frühaufsteher, vor allem im Winter. Denn vorm Morgengrauen ist der Himmel besonders klar, und die Sterne funkeln, als könnte man sie anfassen. Ich trinke eine Tasse Tee und mache einen kleinen Spaziergang. Wir haben gerade ein Haus in der Nähe von Philadelphia gekauft, mitten in der Natur. Da ist es so still, dass ich hören kann, wie die Schneeflocken zu Boden fallen. Heute Nacht habe ich davon geträumt, ein Engel zu sein, der den Klang der Welt hören kann. Eine Reise mit geschlossenen Augen.

Sie beginnt hoch über meinem eigenen Haus. Dort oben schwebend, höre ich zuerst den Bach rauschen, der in der Nähe vorbeifließt. Ich höre die Vögel und Insekten, die Hirsche und Hasen, Eulen, Rotfüchse und Dachse, die sich im Unterholz tummeln. Die Luft ist so sauber, dass sie klingt wie Kristalle, die ganz leicht aneinander stoßen. Blätter rascheln: Ich sehe noch wie, meine kleine Tochter in einen Baum klettert. Da bin ich auch schon weg.

Als Nächstes komme ich in die Stadt – und höre nun fast nichts mehr. Ein unglaublicher Lärm, der alles abtötet. Man könnte sagen: Das sind der Verkehr, die Straßenreinigung und die Müllmänner, Menschen, die sprechen, fahrende Züge, schreiende Kinder. Aber in der Stadt werde ich taub. Wo immer ich hingehe, schaffe ich einen Raum der Ruhe um mich, damit ich tatsächlich etwas hören kann. Zu den Aufgaben eines Engels zählt es, den Menschen Stille zu bringen, damit sie sich selbst hören können. Wenn du ein Engel bist, solltest du in die Städte gehen. Die Köpfe der Menschen dort sind voller Krach.

Jetzt fliege ich über Afrika. Denn ein Engel schwebt von einem Ort zum anderen. Ohne Jetlag. Aber im Grunde ist es, als wäre er die ganze Zeit an einem Platz. Engel gehen eigentlich nirgendwohin, sie sind einfach da. Ganz ohne Anstrengung. Die Dinge kommen zu ihnen. Über Afrika höre ich Weite, eine unfassbare Weite. Wenn du Raum und Zeit hören könntest, würdest du das afrikanische Prinzip in der Musik verstehen: Es ist falsch, Musik aufzuschreiben und festzuhalten. Wenn du das machst, ist es nur ein Schnappschuss im Zeitkontinuum. Ein wiederholtes Stück Musik ist Vergangenheit. Ein gefrorener Moment. Aber das ist gegen die Naturgesetze. Zeit lässt sich nicht einfrieren. Natürlich kannst du den gleichen Song noch mal singen, aber der Anfang des Stückes ist immer der Zeitpunkt, an dem du dich gerade befindest. Wenn du ein Lied zum ersten Mal singst, ziehen vielleicht gerade Wolken auf, beim zweiten Mal steht die Sonne hoch am Himmel. Dann muss man das Lied anders singen. Wenn du es singst, während du mit einem Freund die Straße runtergehst, denkst du vielleicht daran, dass er bei dir ist – und du singst es für ihn. Vielleicht singst du es gerade, wenn du dir die Hände wäschst, dann musst du es nass singen. Die menschliche Stimme ist kein mechanisches Gerät. Sie ist das Instrument der Seele. Deshalb muss man ein Stück Musik jedes Mal neu erfinden. Und so mache ich es auch. Ich bin jedes Mal einen Tag älter, bin in einer anderen Stadt, habe ein anderes Publikum. Anderes Land, andere Kultur. Alles anders.

Höre ich über Afrika Schmerz? Schmerz hört man überall, nicht nur in Afrika. Wir alle haben Klagelieder in uns. Aber ich höre über Afrika vor allem Trommeln; einen harten Beat. Und ich verstehe, was er bedeutet. Nicht einfach nur Instrumente, die gespielt werden, sondern auch, was sie sagen: die sprechenden Trommeln. In Afrika ist Musik noch eine reine Sprache, Kinder hören eine Trommel in der Ferne, und es ist, als würden sie Nachrichten hören. Wie ein Morse-Code.

Über Kuba höre ich Regen und die Farbe Grün. Grün ist eine sehr schnelle, rhythmische Farbe. Ein sehr geschäftiges Geräusch. Aber kein Lärm, keine Kakophonie. Alles ist flüssig und lebendig. Wie ein Regen. Riesige Tropfen. Tropfen von ein, zwei Meter Durchmesser. Ein Tropfen, und du bist klatschnass. Durch und durch. Eine Flut.

In Asien höre ich eine Sprache, in der Menschen über Berührungen reden können, ohne Worte zu benutzen. Wie sie sogar den Raum um eine Person herum spüren können, ohne sie physisch zu berühren. Ich kann die ungesprochene Sprache zwischen ihnen verstehen – aber ich werde ihre Geheimnisse nicht verraten. Ich höre die stillen Gesten, wenn zwei Menschen aneinander vorbeigehen, ohne ein Wort zu wechseln. Wenn Menschen sich lange kennen, hören sie irgendwann auf zu reden. Sie brauchen keine Worte mehr. Ich kann die unausgesprochenen Worte zwischen ihnen hören. Wollte man das für Menschen hörbar machen, wären es ganz leise Lieder. Selbst für Engel kaum hörbar.

Menschen sprechen zu viel. Besonders in Europa und den USA. Deshalb sind die Leute auch so verwirrt. Aber in Asien verstehen die Menschen sich sehr gut, und sie müssen dafür nicht viel reden. Ich selbst hasse es, wenn ich reden muss. Oder mich erklären. Wie oft möchte ich mich in eine Muschel zurückziehen und gar nichts mehr sagen. Es wäre ein sehr interessantes Experiment, wenn ich für ein paar Jahre schweigen würde – um abzuwarten, was andere Leute darüber denken. Was sie denken, was ich denke. Und was sie glauben, was ich gerade mache. All das würde ich gern mal lesen, ohne selbst ein Wort gesagt zu haben.

Am allerliebsten aber würde ich mit Jesus auf einer Wolke sitzen. Endlose Stunden reden und zuhören. Meine Güte, ja: mit Jesus! Wahrscheinlich müsste ich gar nichts sagen. Seine Gegenwart wäre mir genug. Ich hätte natürlich auch noch Verabredungen mit Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Abraham Lincoln. Aber von Jesus müsste ich mich deshalb nicht verabschieden. Von Jesus gibt es keinen Abschied. Wenn ich gehe, gibt er mir einen Teil von sich mit auf den Weg.

Ungesprochene Worte – ich habe sie schon in meinem eigenen Leben gehört. Es war am 7. Juli 1977, als eine innere Stimme mir sagte: Du bist ein Sänger. Dieser Tag hat mein Leben verändert, mein ganzes Wesen, von einem Augenblick zum anderen. Mein Problem damals: Ich war Musiker – aber was für ein Musiker eigentlich? Ich stamme aus einer sehr musikalischen Familie. Mein Vater war der erste farbige Sänger an der Metropolitan Opera in New York. Er sang die Stimme von Sidney Poitier in der Verfilmung von Porgy And Bess. Meine Mutter war ebenfalls Sängerin. Ich hatte eine klassische Ausbildung als Pianist. Aber das Piano war nicht mein Instrument. Ich wusste, ich bin geboren, um etwas zu schaffen. Aber was? Ich verbrachte viel Zeit damit, das herauszufinden. Eines Tages beschloss ich, nicht mehr darüber nachzudenken. Ich arbeitete damals an der Universität Utah und spielte für die Ballettklassen. Ich lebte davon und war zufrieden. Eines Tages, es war dieser 7. Juli 1977, ich war 27 Jahre alt, da ging ich zur Mittagspause und wusste plötzlich, dass ich Sänger bin. In Sekundenbruchteilen. Ein Teil in mir machte sich hörbar.

Als ich nach Hause kam, begann ich sofort, einen neuen Job zu suchen – und fand die Anzeige eines Hotels, das einen Entertainer für seine Bar suchte. Als ich anrief, hatte ich den Manager direkt am Apparat, der an diesem Tag zufällig in der Stadt war. Er sagte: Komm her und spiel vor! Ich ging hin, sang, und er nahm mich vom Fleck weg. Seitdem bin ich Sänger. Das war für mich der Tag der Wahrheit.

Als ich acht Jahre alt war, habe ich herausgefunden, was mein Name bedeutet. Robert heißt »heller Stern«. Von dem Augenblick an wusste ich, ich würde etwas Besonderes tun. Mein Leben hatte Bedeutung. Mir ging es weniger um Stern im Sinne von »Star« als um das Helle, das Scheinende, das Licht. Ich dachte nicht: Ich werde berühmt. Ich wusste nur, ich werde etwas sein, das hell leuchtet. Darüber war ich sehr glücklich.

Nun ist es Abend. Die Tageszeit, wenn die Sonne alles mit einem bernsteinfarbenen Schimmer überzieht. Es ist wie ein knackendes Lagerfeuer, das langsam erstirbt. Die Funken fliegen in den Himmel und werden zu Sternen. Als meine Kinder klein waren, erzählte ich ihnen: Aus den Funken werden Sterne. Sie staunten. Und glaubten daran.

Ich kehre nach Hause zurück. Die Kinder schlafen noch nicht. Meine Kinder jedenfalls nicht. Sie bleiben immer viel zu lange auf. Das haben sie von ihrer Mutter. Meine Frau – sie macht gerade das Abendessen oder schmeißt eine Party. Oder sie sitzt da und liest. Sie kann ein Buch nicht weglegen, wenn sie einmal angefangen hat. Sie will das ganze Ding in einer Nacht lesen. Ich höre das Rascheln der Seiten, wenn sie umblättert. Das letzte Sonnenlicht streichelt die Blätter der Baumwipfel. Die Atemzüge im Haus werden länger und die Herzschläge langsamer. Was für ein friedlicher Platz. Ich bin glücklich, wieder da zu sein."

Bobby McFerrin © DIE ZEIT 50/2002




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