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Music is Relationship

Musik ist nichts anderes als die ästhetisch sinnliche Wahrnehmung von Beziehungsqualitäten mit all ihren Facetten und Aspekten auf auditiver künstlerischer Ebene. Sie ist das Spiegelbild des sozialen miteinander Agierens im Alltag. – Deshalb kann uns die Musik so tief berühren – insbesondere in der Selbstwirksamkeit des Singens, weil wir dort das Musizieren nicht über ein Instrument praktizieren, sondern wir selbst das Instrument sind.


Improvisation is Motion (Bobby McFerrin)


Live is Relationship & Improvisation


World is Sound (SWR-Feature von Burkhard Reinartz)


To Handle Our Live in This World We Need…

…The Craft of Freedom (Peter Bieri)

…and The Sense of Sensuality (Gerald Hüther)


Listen and you can Hear…(Bobby McFerrin)


Zeit

Die Zeit scheint mir das zentrale Thema — zumindest in unserer heutigen Zeit — zu sein. Vielleicht weil wir dabei radikal mit der Sinnfrage konfrontiert werden? — Der Musik sagt man nach, sie sei eine "Zeitkunst". — Vielleicht ist diese Kunst für viele von uns deshalb so faszinierend? — Frank Ebeling


Musik als Zeitkunst

"Musik ist eine Kunst, die sich in der Zeit entfaltet. Sie ist unterteilt in Einheiten wie Sätze, Phrasen oder Motive und durch Takte und Metrum scheinbar fassbar gemacht. Seit jeher beschäftigt Komponisten die Verbindung zwischen Musik und Zeit: Konkret als Spiegel ihrer selbst erlebten Zeit ..." > www.breitkopf.com/feature


"I have dicovered that it is enough when a single note is beautifully played. This single note, or a silent beat, or a movement of silence, comforts me."

Arvo Pärt > Eichner, Engelbert: Diplomarbeit, 1999


"Jede Sekunde Deines Lebens ist entscheidend…"

Nik Bärtsch von der Gruppe "Ronin" in einem Feature von Karl Lippegaus, WDR-Radio 2006

"Es geht um Dein Leben! – Es geht immer um Leben und Tod! – Was Du machst ist entscheidend! – Jede Sekunde Deines Lebens ist entscheidend!"


Wer keine Zeit hat ist tot
http://mobil.derwesten.de

"Diese Nacht drehen wir mal wieder am Zeiger. Nur diese Nacht? Kaum etwas dirigiert unser Leben so wie der Takt der Sekunden und Minuten. Lars von der Gönna sprach über die Stunden, die uns schlagen, mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler.

Auch Sie als Zeitforscher werden heute Nacht die Uhren umstellen...

Karlheinz Geißler: Ich habe gar keine Uhren, von daher muss ich auch nichts umstellen. Ich lebe seit 25 Jahren ohne Uhr, weil ich die Zeit und nicht die Uhr lebe.

Sie waren Professor - wie ging das denn mit pünktlich endenden Vorlesungen?

Geißler:Wenn die Studenten ihre Hefte zuklappten, wusste ich, dass die Stunde zu Ende war.

Der Mensch hat die Zeit nicht erfunden, aber er hat sie eingeteilt...

Geißler: Er tut auf jeden Fall so, als wenn er sie erfunden hat - und zwar in dem Moment, wo er die Zeit an der Uhr abliest, die, nicht die Zeit, hat er nämlich erfunden.

Um die Zeit zu beherrschen?

Geißler: Die Verlagerung der Zeit in die Uhr ist eine Art Gottesprogramm. Der Mensch versucht Gott zu spielen, indem er über die Zeit bestimmt.

Ist ihm das gelungen?

Geißler: Das ist ihm so gelungen, wie es ihm gelungen ist, die Atomkraftwerke in den Griff zu kriegen...

Warum verplanen wir oft mehr Zeit als wir haben?

Geißler: Wir werden ja dafür mit Güterwohlstand belohnt. Weil wir die Zeit in die Hand genommen haben, können wir damit auch wirtschaften, ökonomisieren - oder wenigstens so tun. Wir wiegen Zeit mit Geld auf. In Arbeitsstunden oder Zins. Zins ist ja nichts anderes als reine Zeit, die gemessen und bezahlt wird.

Ist Zeit Wohlstand?

Geißler: Mit der Art, wie wir mit Zeit umgehen, haben wir uns einen materiellen Wohlstand erwirtschaftet, weil wir Zeit in Geld verrechnen. Aber beides, Zeit und Geld sind natürlich auch Illusionen - kurzum: unser Wohlstand ist genauso illusionär wie die Grundlage dieses Wohlstandes.

Der Satz "Ich habe keine Zeit" ist doch Unsinn, oder?

Geißler: Das ist nicht nur Unsinn, das ist eine Lüge. Wer keine Zeit hat, ist tot oder lügt. Wir Menschen sind die Zeit, wir haben sie nicht.

Es gibt Firmen, die zwingen Mitarbeiter, das Handy mit in die Kantine zu nehmen...

Geißler: Dahinter steht ein Umgang mit Zeit, den wir erst seit ungefähr 40, 50 Jahren praktizieren, seit dem Einzug der neuen Technologien in unser Leben. Wir versuchen das, was wir früher mit Schnelligkeit zu erreichen versucht haben, jetzt durch Verdichtung.

Reden wir also von einer Beschleunigung durch Gleichzeitigkeit in unserer Gesellschaft?

Geißler: Genau. Und dadurch fallen zum Beispiel Anfang und Ende weg. Es werden immer weniger und immer kürzere Pausen gemacht. Pausen sind ja Zwischenräume, die es erst ermöglichen, dass man einen Anfang macht und einen Schluss. Heute machen wir keinen Anfang und keinen Schluss mehr, wir schalten ein und schalten aus, machen alles nonstop und stehen permanent auf "standby".

Wir haben überraschend schnell einen Interviewtermin bei Ihnen erhalten. Sie nannten dafür den Grund: "Ich mache nicht viele Termine!"

Geißler: Das kommt mir, meinen Gefühlen und meinem Leben entgegen. Das ist aber nicht bei allen Menschen so. Viele Leute brauchen Termine, damit sie überhaupt merken, dass sie noch am Leben sind.

Kann man sein Verhältnis zur Zeit ändern?

Geißler: Das kommt darauf an, wie man belohnt wird und auf was man verzichten muss. Also wer zum Beispiel nicht an Konsumgütern hängt, hat es leichter, ein Zeitleben zu führen, das ihm von der Natur vorgegeben ist. Wir leben ja immer zwei Zeiten. Das eine ist die Uhrzeit, mit der wir unser Einkommen, unseren Wohlstand usw. erwirtschaften. Aber wir leben auch die Zeit, die uns vor der Natur mitgegeben wurde. Sonst würden wir ja zum Beispiel nicht mehr schlafen sondern nur noch Geld verdienen und ausgeben. Unsere Natur zwingt uns zu gewissen Zeiten. Und dieser Zwang, den erlebe ich als Befreiung, denn die eigene Zeitnatur zu leben, hat etwas Angenehmes und Attraktives. Da erlebe ich mich nämlich selbst, da bin ich ganz bei mir.

Es soll Menschen geben, die sich genau davor fürchten.

Geißler: Wenn man Zeit hat, zu sich selbst zu kommen und findet dann nichts. dann wird's problematisch und damit's nicht problematisch wird, gibt's die Unterhaltungsindustrie.

Für was haben Sie grundsätzlich keine Zeit?

Geißler: Für Hetze."


Vom Jetzt zur Zeitlosigkeit und Stille

> Eckhart Tolle auf YouTube


Atemlos
http://www.zeit.de/2006 und als Ergänzung dazu Hartmut Rosa im WDR-Gespräch mit Jürgen Wibeke Podcast Beschleunigung

"Nicht Geld, nicht Macht, sondern Beschleunigung regiert die Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa hat mit seiner Untersuchung der Zeit eine monumentale Theorie der Moderne vorgelegt.

Die Zeit ist aus den Fugen. Sie rast und steht still. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto schneller zerrinnt sie uns zwischen den Fingern. Wir stürzen nach vorn und kommen immer zu spät. Alles wird schneller, und früher war es besser.

Solche Zeitkritik gehört zum Lieferumfang des zeitgenössischen Weltbildes und kommt uns geschwind über die Lippen. Entsprechend gibt es Zeittheorien und Bremshilfen wie Sand am Meer, doch viele verlieren sich im Detail. Andere sind zwar profund, aber einseitig. Was bislang fehlte, war eine soziologische Gesamtsicht, die systematische Einbettung von Zeit und Beschleunigung in eine Theorie der Moderne.

Diese Gesamtsicht liegt nun vor. Sie stammt von dem in Jena lehrenden Soziologen Hartmut Rosa, und ihr Anspruch ist gewaltig, monumental und erschöpfend. Rosa behauptet nämlich, er halte den Schlüssel in der Hand, um zu erklären, warum wir so leben, wie wir leben. Denn weder Geld noch Macht seien die Fürsten dieser Welt. Vielmehr sei es die »stumme normative Gewalt« der Beschleunigung, die unsere Zeit im Innersten zusammenhält und alles Leben bestimmt. Wer vor der kinetischen Macht die Augen verschließe, habe von der Moderne gar nichts begriffen.

Zugegeben, das ist erst einmal eine leere Behauptung. Doch hat der Leser das steile Vorgebirge der methodologischen Einleitung überwunden, kommt es knüppeldick, und er kann sich vor Anschauung kaum retten. Rosa bemüht unzählige Studien, die belegen, wie sehr sich Zeitwahrnehmung und Temporalstrukturen beschleunigen, wie Unruhe und Zeitnot wachsen, Vergangenheit verdämmert, Gegenwart schrumpft und Zukunft schwindet.

Konnten die Menschen der »klassischen Moderne« noch halbwegs das Gefühl haben, ihre Identität in einer gerichteten Zeit stabilisieren zu können, so geht heute die Balance zwischen Beharrung und Beschleunigung verloren. Es ist die Zeit selbst, die sich »entzeitlicht«, was für Rosa heißt: Wir entscheiden nicht mehr im Licht zeitstabiler Werte, sondern bestimmen unsere Handlungsziele im Vollzug der Handlung, also in der Zeit selbst.

Unter dem Druck der Frist »löschen wir ständig Feuer«, machen Dinge gleichzeitig, beschleunigen die Partnersuche durch »fast dating« und steigern die »Erlebnisdichte pro Zeiteinheit«. Mögen wir dabei auch an Zeitsouveränität gewinnen, so haben wir doch stets das Gefühl, auf rutschenden Abhängen zu leben, das wahre Leben zu versäumen und Dinge zu tun, die wir gar nicht wollen. Im Extremfall flüchten wir uns in die Depression, in die Pathologie der Zeit.

Längst ist ein neuer Sozialcharakter entstanden, der Spieler und Drifter. Weil er nicht wissen kann, was morgen sein wird, hält er sich alle Optionen offen. Er scheut Bindungen und Dauer, entscheidet situativ und stets in letzter Minute, wie auf dem Börsenparkett. Je gleichgültiger die Inhalte, desto schneller kann er sich anpassen. Die Steigerung von Optionen und Wettbewerbsfähigkeit (»bis in die Liebe«) ersetzt »die auf ein Lebensziel gerichtete Lebensführung«.

Sollte sich der Spieler dennoch auf einer moralischen Landkarte orientieren, dann wechselt er sie ständig. Kurzum, soziale Beschleunigung untergräbt Identitäten und macht die Rede vom Lebensentwurf anachronistisch. »Man ist nicht Bäcker, sondern man arbeitet (seit zwei Jahren) als Bäcker, man ist nicht Ehemann von Y, sondern lebt mit Y zusammen, man ist nicht Münchner und Konservativer, sondern wohnt (für die nächsten Jahre) in München und wählt konservativ.«

Dass Beschleunigungsdruck den Charakter verdirbt, ist für Soziologen eine Binsenweisheit. Überraschend dagegen ist die mit spekulativem Schwung vorgetragene These, der neue Spielertyp passe haargenau ins alte Weltbild. Das Urtrauma der Moderne sei die Panik vor dem größten aller »Optionenvernichter«, dem Tod, und indem sie unter faustischem Zwang alle Möglichkeiten maximal ausschöpfe, schaffe die Moderne sich einen säkularen Ewigkeitsersatz. Dies allerdings vergeblich. Denn dieselbe Technik, die uns dabei hilft, erzeugt zugleich neue Optionen, sodass »der Ausschöpfungsgrad beständig abnimmt«. Hinterrücks spielt das kulturelle Weltbild der technischen Beschleunigung in die Hände. Es verlangsamt nicht, sondern ist Teil der »Akzelerationsdynamik«.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Rosa sucht nicht nach einem allein schuldigen Haupttäter für soziale Beschleunigung. In einer originellen Kombinationen unterschiedlicher Theorien konstruiert er einen Zirkel, dessen Einzelteile feingliedrig ineinander greifen. Zweifellos kommt der kapitalistischen Wirtschaftsform dabei eine Schlüsselrolle zu, denn sie verwandelt Zeit in Geld. Anders gesagt: Im Kapitalismus greifen Wachstums- und Beschleunigungszwang ineinander. Was wir in der Produktion an Zeit gewinnen, müssen wir im Konsum wieder ausgegeben – das gesteigerte Produktionstempo hat »ökonomisch zwingend« eine »Erhöhung der Konsumtionsakte zur Folge«. Weil der Bedarf weitgehend gedeckt und der Markt gesättigt ist, dreht die Produktion leer und wird zum Selbstzweck. Die ethischen Ziele des Wirtschaftens gehen verloren, eine erpresserische Sachzwanglogik tritt an ihre Stelle. Wir produzieren für die Produktion, während uns die gesparte Zeit als Arbeitslosigkeit heimgezahlt wird. Oder frei nach Max Weber: Der kapitalistische Geist ist tot, sein Gehäuse stahlhart geworden.

Wer nun glaubt, Rosa würde am Ende seiner gelehrten Studie eine Atempause einlegen und dem Leser einen Notausgang aus dem Tempodrom weisen, der wird enttäuscht. Es gibt für ihn diesen Weg nicht, denn wer sich auf eine Zeitinsel flüchte, der finde nie zurück. Auch wenn er es so nicht sagt: Die Zeit zeitigt das Sein; sie ist das Subjekt der Gegenwart und handelt hinter dem Rücken der Menschen. Provozierend spricht er von der unumkehrbaren »Spätmoderne«, während die Zeit der klassischen Moderne ablaufe und sich deren ordnungspolitische Sicherungen, die bereits eine Reaktion auf die Beschleunigung darstellten, auflösten. Lange Zeit bildete der »langsame« Nationalstaat das stabile Flussbett, um den reißenden Strom der Beschleunigung zu kanalisieren und zu bändigen – seine Statik war paradoxerweise die Bedingung für das Dynamische.

Seit 1989, seit dem Sieg des Kapitalismus, ist es damit vorbei. Seitdem erscheinen Nationalstaaten (und ihre Parlamente) als Hemmschuh der globalen Beschleunigung – hoffnungslos überfordert, die Ströme aus Geld, Waren und Informationen zu synchronisieren. Von diesem Befund scheint der Autor, der sonst vorzugsweise konservative Denker in den Zeugenstand komplimentiert, selbst verblüfft zu sein, denn nichts anderes hatte Karl Marx auch behauptet: Die Produktivkräfte sprengen die (Produktions-)Verhältnisse und lassen alles Stehende und Ständische verdampfen.

Damit geht für Rosa das Projekt der Moderne insgesamt zu Ende, denn es rechnete noch mit der gerichteten Zeit. Tatsächlich »verzeitlicht« sich die Geschichtszeit zur richtungslosen Dynamik und macht die Idee des Fortschritts zur Reminiszenz. Wir leben im Zeitalter des simultanen Nebeneinanders von Despotie und Demokratie, Staatenbildung und Staatenzerfall, Kolonisierung und Entkolonisierung. Dass ein neues »Equilibrium« gelingt oder nur ein Abbremsen kinetischer Energien, hält Rosa für unwahrscheinlich.

Viel wahrscheinlicher sei, dass die Beschleunigungsmoderne durch das Fehlen von politischer Verlangsamung zum Erliegen komme. Sie bezahlt dann ihre Unfähigkeit, Beharrung und Beschleunigung zu balancieren, mit nuklearen oder klimatischen Katastrophen, mit einem Kollaps des Ökosystems, globalen Krankheiten oder unkontrollierter Gewalt – »vor allem dort, wo die ausgeschlossenen Massen sich gegen die Beschleunigungsgesellschaft zur Wehr setzen«.

Angesichts solcher Aussichten erstaunt es durchaus, dass Rosa sein imponierendes Buch nicht als Einübung ins Unvermeidliche versteht, sondern als kritische Theorie der Gegenwart. Eine kritische Theorie gibt nicht eher Ruhe, bis sie Alternativen zu ihren Beschreibungen aufzeigen kann. Bei Rosa sind sie nicht zu finden, das ist die Arbeit von morgen. Sie duldet wie immer keinen Aufschub, denn die Zeit drängt."


Die beschleunigte Zeit
http://www.zeit.de/1999

Manfred Osten: "Im globalen Dorf, wo die Fahne der digitalen Ubiquität und organisierten Gleichzeitigkeit weht und wo der Schweizer Uhrenfabrikant Hayek schon die uns gemäße Cyberzeit mit 1000 "Beats" (jeder Beat=86,4 Sekunden) für den modernen ortlosen Internet-Tag beschert hat, hier dürften wir ihn wohl endlich los sein, den inzwischen 250-jährigen Olympier und Geheimrat. Jenen Goethe also, von dem Nietzsche mutmaßte, er sei in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen.

Mag sein, bei näherem Hinsehen kommt man zu einer etwas anderen Erkenntnis. Einer nämlich scheint schon lange vor uns aufgebrochen zu sein ins globale Dorf: Dr. Faust. Er hat uns früh erkannt mit seiner Verwünschung aller Langsamkeit. "Fluch vor allem der Geduld!" Und er hat sie auch lange vor uns schon erfunden, die Ablösung der Zeit vom Raum, das rasant beschleunigte Lebenstempo in Gestalt seines Weggefährten mit Namen Mephisto. Faust begab sich schon vor mehr als 200 Jahren bereitwillig unters Joch jener Eile, die bekanntlich des Teufels ist. Es ist ein sehr modernes Joch, das Goethe in genialer Wortschöpfung als veloziferisch bezeichnet, als Verschränkung von Velocitas (die Eile) und Luzifer.
Deutlich sichtbar werden auch schon die modernen Formen der Versklavung: Fausts Unterwerfung unter das Diktat der Eile, die erzwungene Adaptation seiner Sinne an eine beschleunigte Wahrnehmung und sein (schließlich mit Erblindung erkaufter) Glaube an eine unbegrenzte Fortschrittsdynamik. Faust hat sich Luzifer unterworfen im Namen einer Wette, deren ultima causa sein Fluch der Geduld ist: seine Verweigerung des Augenblicks zugunsten der Ungeduld. Kafka, der ein Jahrhundert später Weimar besucht und dort nachts die Steine des Goethe-Hauses streichelt, wird in sein Tagebuch dann den Satz notieren: "Es ist Ungeduld, die den Menschen aus dem Paradies vertrieb und ihn daraus immer weiter entfernt." Was Faust und seine Nachfahren aus dem Paradies vertreibt, bringt Mephisto hellsichtig auf die Formel: "Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben, der ungebändigt immer vorwärts drängt und dessen übereiltes Streben der Erde Freuden überspringt."

Fausts "übereiltes Streben" ist gekennzeichnet durch moderne Diskontinuitäten. Am Ende steht Fausts gewaltsame Zerstörung der tradierten Welt der beiden Alten - Philemon und Baucis. Wenn Goethe statuiert: "Das Leben hat nur insofern einen Sinn, als es eine Folge hat" , so war es für ihn vor allem die Französische Revolution, die mit ebendieser "Folge", mit dem langsam Gewachsenen, dem Althergebrachten, gründlich gebrochen hatte. Zugleich hatte sich der Rhythmus des Daseins ruckartig geändert, um sich auf nie da gewesene Weise zu beschleunigen. Anstelle des alten Andante, des bedächtigen Fortschreitens, war eine alle Lebensverhältnisse erfassende Akzeleration getreten. Was Goethe früh bemerkte, hat Nietzsche (in Menschliches, Allzumenschliches) spät mit den Worten diagnostiziert: "Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt, die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muß, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken."

Dass unsere Zivilisation aus Mangel an Ruhe in eine neue Barbarei ausläuft, hatte Goethe bereits 1778 in Berlin bemerkt. Im von ihm zu späterer Verwendung zurückbehaltenen Postskriptum eines Briefes an den Juristen und Verwaltungsbeamten im preußischen Dienst, Nicolovius, bringt er die Wahrnehmung auf den Begriff: "alles veloziferisch". In dem Brief selbst heißt es hierzu: "Für das größte Unheil unsrer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten, ein guter Kopf könnte wohl noch eins und das andere interpolieren. Dadurch wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch."

Goethe hat das Drehbuch jener modernen Akzelerationen geschrieben, das uns im Zeitalter digitaler Lichtgeschwindigkeit einzuholen beginnt: Faust , als das Gleichnis für die Tragödie der Übereilungen der Moderne. Für die Zukunft der Vergangenheit dieses Werks dürfte jedenfalls immer noch und entsprechend jenes Wort anwendbar sein, das Friedrich Schlegel über Goethes Wilhelm Meister notiert: Es ist ein Werk, das"mehr weiß als es sagt, und mehr will, als es weiß". Der Faust ist einseismografisches Frühwarnsystem, eine frühe Ahnung, dass mit dem Epochenbruch der Französischen Revolution und den Blitzsiegen Napoleons das Mehrheitsschiff sich nicht nur von den alten Verankerungen losgerissen hatte, sondern umgerüstet wurde zu jenem Schnelldampfer, der dann im 20. Jahrhundert den Namen Titanic erhalten sollte. Goethe sah die Gespenster nicht mehr aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft auf uns zukommen: "Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren."

Goethe also ein "Stabilitätsnarr", wie ihn Heinrich Heine als Protagonist einer Generation mit bereits gesteigertem Lebenstempo bezeichnet hat? Hatte Goethe selber eine Antwort auf das "überhandnehmende Maschinenwesen"? Er sieht sich jedenfalls in den Wanderjahren seines Wilhelm Meister vor die problematische Alternative gestellt: Flucht oder Mitläufertum. Eine Alternative, von der er selber sagt, es sei "ein doppelter Weg, einer so traurig wie der andere: entweder selbst das Neue zu ergreifen und das Verderben zu beschleunigen, oder aufzubrechen, die Besten und Würdigsten mit sich fort zu ziehen und ein günstigeres Schicksal jenseits der Meere zu suchen. Eins wie das andere hat sein Bedenken, aber wer hilft uns die Gründe abwägen, die uns bestimmen sollen?"

Goethes Einsicht, "Die ungeheuerlichste Kultur, die ein Mensch sich geben kann, ist die Überzeugung, daß die anderen nicht nach einem fragen", kulminiert schließlich in seinem Entschluss, den zweiten Teil des Faust zu versiegeln und den eigenen Zeitgenossen vorzuenthalten. Er begründet diesen Entschluss gegenüber Wilhelm von Humboldt mit den Worten: "Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handeln waltet über die Welt." Ihm war bewusst, dass dem veloziferischen Zeit-Geist jedes Verständnis für die ernsten Scherze und Warnungen im Faust fehlen würde, dass dieses Werk nämlich "wie ein Wrack in Trümmern" überschüttet daliegen würde. Ein Schicksal, das dem zweiten Teil der Tragödie denn auch in der Tat widerfahren ist.

Was er in Faust II versiegelte, waren vor allem "Kainszeichen der Selbstzerstörung", wie sie im 5. Akt der Tragödie sichtbar werden. Goethe gibt hier den Blick frei auf die beiden großen Phänomene aller Übereilungen: Irrtum und Gewalt, die er offenbar auch als die eigentlichen Konstanten der Historie verstanden hat. Torheiten und Schlechtigkeiten sind auch im Faust die Resultate des veloziferischen Strebens. Faust irrt, weil er sich übereilt, weil er aufgrund seiner Ungeduld unfähig ist, klug zu sein zur rechten Zeit. Faust nimmt - mithilfe Mephistos - immer wieder Zuflucht zu den "Schlechtigkeiten" der Gewalt. Er hat sie bereits im ersten Teil der Tragödie ungeduldig praktiziert, etwa bei der Tötung von Gretchens Bruder. Jetzt, im zweiten Teil der Tragödie, nach dem Tode von Philemon und Baucis, erkennt er - zu spät - die fatale Folge seiner Übereilung: "Geboten schnell, zu schnell getan." 


Fausts Leugnung der Gegenwart im Namen einer veloziferisch vorweggenommenen Zukunft kulminiert im 5. Akt nicht nur in Irrtum und Gewalt, in Torheit und Schlechtigkeit. Goethe antizipiert hier auch jenes andere Phänomen der Übereilung, das erst Heidegger in Sein und Zeit neu reflektieren wird: die Sorge. Die Sorge als Personifikation eines hypertroph zukunftsorientierten Bewusstseins lässt Faust erblinden mit den Worten: "Die Menschen sind im ganzen Leben blind, so werde du es auch am Ende." Erst die Sorge ermöglicht endgültig das apokalyptische Szenarium des Veloziferischen: Fausts Untergang im Zeichen von Blindheit und Verblendung. Faust beschäftigt sich - bereits erblindet - mit modernen "Visionen", mit einem groß angelegten Entsumpfungsprojekt im Zeichen der Eile: "Was ich gedacht, ich eil'(!) es zu vollbringen." Faust begeht hier denn auch den letzten, den irreversiblen Irrtum: Er hört das Klirren der Spaten und glaubt, die Arbeit gelte einem Graben. In Wahrheit gräbt man sein eigenes Grab. Es ist die höhnische Ironisierung des tödlichen Aktionismus, in dem sich Irrtum und Gewalt zu einer schauerlichen Utopie verschränken. Faust glaubt mit freiem Volk auf freiem Grund zu stehen, in Wahrheit sind es bereits die Zwangsarbeiter der Moderne, die für ihn arbeiten. Von Menschenopfern ist die Rede und vom Jammer, der die Nächte füllt.

Selten ist eindringlicher mit aller auf Kontinuität gründenden Kultur gebrochen worden als mit der Ermordung von Philemon und Baucis. Fausts Vergangenheitshass, seine Leugnung jeder Kultur des Erinnerns und des Gedächtnisses, nimmt hier gleichsam das Muster abrupter Kontinuitätsrisse der deutschen Geschichte vorweg. Goethe, der im Wilhelm Meister warnt, man dürfe das Alte nicht aus den Augen verlieren, weil es ein "Gegengewicht dessen (sei), was in der Welt so schnell wechselt und sich verändert", hat versucht, den Schritt in die emanzipierte Wildnis der modernen Beschleunigung hinauszuzögern. Er wollte hinauszögern, weil er wusste, dass mit der Ermordung von Philemon und Baucis jene Rückspiegel zerbrechen würden, ohne die Humanität nicht zu haben ist. Denn das Leben wird zwar nach vorwärts gelebt, aber nur nach rückwärts verstanden.
Das neue Tempo hatte vor allem Napoleon exemplarisch bestimmt. Er hat nicht nur als Erster den modernen Bewegungskrieg praktiziert ("Man muss in erster Linie durch die Beine seiner Soldaten siegen"). Er hat auch als Politiker ein bis dahin unbekanntes Tempo eingeführt. Die Geschwindigkeit ("élan et vitesse"), dieses Geheimnis seiner Person und seiner Erfolge, hatte er Europa oktroyiert als modernes Lebensgefühl. Wenn heute der französische Geschwindigkeitsphilosoph Paul Virilio den Temporausch zum beherrschenden Merkmal des technischen Zeitalters erklärt und über "schneller werdende Innovationszyklen, Datenautobahnen und virtuelle Mobilität" klagt, so ist dies letztlich die (verspätete) Diagnose dessen, was Goethe als das Veloziferischeerkannt und mit einer Tiefenschärfe analysiert hat, die ihresgleichen sucht. Und wenn (in den USA) der Begriff der "Eilkrankheit" kursiert, die sich unter anderem in der Unfähigkeit zu angenehmen Erinnerungen äußert, so hat Goethe im Faust die Anamnese dieser Krankheit geliefert.

Das gilt auch für seine Einsicht in die eigentlichen Ursachen dieser Krankheit. Sie sind zunächst einmal historischer Natur und liegen in den beiden großen Tendenzen begründet, mit denen Goethe an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert konfrontiert wird und die sein Denken und Empfinden vor allem gegenüber der Natur nachhaltig beeinflussten. Da ist zum einen Kants Einsicht, formuliert in der Kritik der reinen Vernunft , dass Subjekt und Objekt für immer "getrennt" sind durch ein Tertium: die Kategorien und Anschauungsformen des Verstandes. Goethe notiert konsequent (und vor allem nach der Kant-Lektüre): "Alles Faktische ist bereits Theorie." Da sich aber gleichzeitig für ihn das lebendig sich Wandelnde in der Natur gegen diese Gleichheit und die Macht der Begriffe sperrt, erkennt er, dass Kant zwar ein "helles Zimmer" sei, aber eben nur dies: ein Zimmer und nicht das ganze Haus der Natur.

Das heißt für Goethe: Kant hat sich übereilt, er hatte etwas Wichtiges übersehen. "Alles, was im Subjekt ist, ist im Objekt und noch etwas mehr. Alles, was im Objekt ist, ist im Subjekt und noch etwas mehr." Goethe erblickt in Kants zimmerheller Erkenntniskritik Ambivalentes, nämlich eine richtige Einsicht und eine falsche Übereilung. Er ahnt die Folgen dieser Übereilung: anschauungsarme Analytik mit der Gefahr der Respektlosigkeit vor der Natur.

Die andere große historische Erfahrung wird für Goethe das, was wir erst heute als ein zentrales Problem der Moderne erkennen: die Explosion des Wissens und die Spezialisierung in den Einzelwissenschaften. Goethe hat auch hier früh die übereilenden Tendenzen erkannt. Bereits 1797 notiert er: "Unglaublich aber ist's, was für ein Treiben die wissenschaftlichen Dinge herumpeitscht und mit welcher Schnelligkeit die jungen Leute das, was sich erwerben lässt, ergreifen."
Die Beschleunigung der Forscher und Forschung wurde ihm vor allem durch den letzten Universalgelehrten der europäischen Aufklärung vor Augen geführt: Alexander von Humboldt, der allerdings im Sinne Goethes den (bereits zur konkreten Utopie verurteilten) Versuch unternahm, die Myriaden Fakten seines methodischen Empirismus in einen ästhetischen Kosmos, in ein Gesamtverständnis des Zusammenhangs aller Naturerscheinungen zu integrieren.
Hinter diesen Tendenzen hat Goethe aber einen letztlich ahistorischen, einen ontologischen Quellengrund der veloziferischen Krankheit bemerkt, den er in seinen Maximen und Reflexionen andeutet mit den Worten: "Theorien sind gewöhnlich Übereilungen des ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene gerne los sein möchte." Das heißt, er war davon überzeugt, dass der Mensch aufgrund der ungeduldigen Tendenzen seines Verstandes unfähig sei, die Phänomene anzuschauen. Für ihn waren allein die Phänomene entscheidend. Was wir uns dabei denken, ist letztlich gleichgültig. Die Natur unseres Verstandes also als Grund unserer Irrtümer. Der Fortschritt reduziert sich damit letztlich auf ein bloßes Fortschreiten von alten zu neuen Irrtümern. Die letzten Wahrheiten erweisen sich so, wie Nietzsche vermutete, "als unsere unwiderlegbaren Irrtümer". In den Maximen und Reflexionen finden sich die Worte: "Alle Verhältnisse der Dinge (sind) wahr - Irrtum allein in dem Menschen. An ihm (ist) nichts wahr, als daß er irrt, sein Verhältnis zu sich, zu andern, zu den Dingen nicht finden kann."
Goethe hat vor diesem Hintergrund konsequent festgehalten an einer Kultur der slow motion, deren Bedeutung uns erst heute einzuholen beginnt. Denn unsere Epoche der totalen Mobilmachung, die sich dem rasenden Stillstand nähert, hat als Paradox inzwischen eine gegenläufige Hochtechnologie der Verlangsamung hervorgebracht: Airbag, ABS-Systeme, Anrufbeantworter sind Beispiele einer immer aufwändiger werdenden Brems- und Selektionstechnologie im Zeichen der Akzeleration.

Goethe, dem die Gegenwart das Widerlager war für die übereilenden Tendenzen seines Jahrhunderts, hat für seine eigene Person im geduldigen Anschauen der Phänomene den Raum der Gegenwart zu weiten versucht. Das heißt: Er hat den Abstand zwischen Begehren und Besitzen verlängert, den Faust bis zur Gleichzeitigkeit verkürzt. Dabei war die Natur für ihn die verlässlichste Gegenwelt des Veloziferischen, die letzte Bastion gegen die Mobilmachung seines Jahrhunderts: "Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit."
Faust, den Mephistos Magie der "Übereilungen" vom Anschauen der Natur entfernt hat, erkennt dieses "Rettungsmittel" zu spät: "Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen, stünd ich, Natur, vor dir allein, dann wär' es wert, ein Mensch zu sein." Eine Einsicht, die vorausweist auf den kulturkritischen Pessimismus Virilios, der diagnostiziert, dass durch Simulationstechniken Widerstände und Distanzen in virtuelle Realitäten verwandelt werden. Zukunft gebe es nur noch nach der Zerstörung, äußerte Virilio kürzlich in einem Interview. Vielleicht meint Martin Walser genau dies, wenn er die Weimarer Klassik definiert als "ein grandioses Schönheitspflaster auf einem fürchterlichen Mal"?

siehe dazu auch:
Neusser-Montags-Gespräche der Stiftung für Kulturaustausch


Chronos und Kairos


aus „chronos und kairos“ – von unterschiedlichen Zeiterfahrungen und deren Wirkung in der Therapie – mit freundlicher Genehmigung der Autorin: Barbara Knittel - Psychotherapeutin in Feldkirch

"Chronos und Kairos - dazu setze ich noch ein drittes Wort - Aion. Drei Worte im antiken Griechisch, für das, was wir mit einem Wort zu fassen versuchen, für die ‚Zeit‘. Darin spiegelt sich wider, dass es für die Griechen damals unterschiedliche Zeiterfahrungen gegeben hat und es die Zeit für sie wohl nicht gegeben hat.

Mit dem Thema ‚Zeit‘ betrete ich weites Land. Im Bereich der Physik, seit Einstein ein sehr differenziertes Thema. Im Bereich der Philosophie derzeit eines der wichtigsten Themen. Deshalb habe ich mich eingegrenzt und mir diese drei aus dem Griechisch kommenden „Zeitworte“ gewählt, so zu sagen als Anker für Zeiterfahrungen im Zusammenhang mit Psychotherapie.

Obwohl wir davon reden, dass wir Zeit haben, zeigt sich ein tiefes Missverständnis. Eher sind wir in verschiedene Zeiterfahrungen oder auch Zeitgestalten eingebunden. Um zunächst nur anzudeuten, was ich mit Zeitgestalten meine. Da gibt es die chronologische, messbare und linear dahinlaufende Zeitgestalt, mit Anfang und Ende und einem klar strukturiertem Verlauf. Da gibt es die zyklische oder spiralartige Zeitgestalt, (Jahreszeiten, wiederkehrende Begegnung, Erfahrungen, die in ähnlicher Weise nach Jahren wiederkehren). Da gibt es den Zeitfluss, („In die gleichen Ströme steigen wir und steigen wir nicht; wir sind es und sind es nicht“ Heraklit,1989,S19), um das Geheimnis des „Jetzt“ zu beschreiben. Da gibt es den Zeitbaum, ein Bild von F. Cramer, womit er die gerade dahinlaufende Zeitbewegung meint, in der es dann aber Momente von besonderer Bedeutung gibt, die „irreversiblen Sprünge“. („Die Zeit evolviert, genau so, wie alles Lebendige, das heißt, sie verzweigt sich in die Vielfalt des Lebendigen hinein. Da werden immer wieder Bifurkationen durchlaufen.“ Cramer,S 108/109).

Wenn man von „Zeitgestalten“ spricht, dann kann man nur bedingt von geschlossenen Gestalten sprechen. Erfahrungen in der Zeit können sich schließen, aber die Weiterbewegung der Zeit bleibt. Ebenso sind diese „Zeitgestalten“ immer kontext-abhängig. Den Hintergrund bilden verschiedene Kulturen, unterschiedliche Lebenssituationen und vieles mehr. Ebenso sind sie immer an die verschiedensten Formen von Bewegung und Veränderung gebunden. (Bewegungen des Körpers, des Geistes, der inneren Rhythmen, der äußeren Rhythmen). So denke ich, wir haben nicht Zeit, aber wir sind in der Zeit in ihren unterschiedlichsten Gestalten.

Um auf die drei griechischen „Zeitworte“ oder Zeitgestalten zurück zu kommen: Chronos, Kairos und Aion sind auch mit der griechischen Göttermythologie verbunden. Es geht dabei um drei Gottheiten. Vor allem bei Chronos ist der dahinterliegende Mythos voll von Symbolik für den chronologischen Zeitablauf. Deshalb möchte ich etwas daraus schildern: In einem der ältesten griechischen Schöpfungsmythen gibt es den Gott Kronos (mit K). Er war der Sohn des Himmelsgottes Uranos und der Erdgöttin Gaja. Man könnte auch anders sagen - aus der Paarung von Himmel und Erde ist Kronos hervorgegangen. Eigentlich ein schöner Mythos, wenn es den dreien möglich gewesen wäre, in Einigkeit für Himmel und Erde, Raum und Zeit zu stehen und somit die Grundbedingungen für menschliches Leben ermöglichen. Nur - von Einigkeit war nichts zu merken. Die drei lebten in Rivalität miteinander, bedrohten einander. Um zu uneingeschränkter göttlicher Würde zu kommen, kastrierte Kronos seinen Vater mit der Sichel, die Gaja, seine Mutter ihm gegeben hatte. In er Folge hatte er Angst vor seinen eigenen Nachkommen, von denen ihm ja ähnliches passieren könnte. Deshalb vernichtete er seine Kinder, indem er sie verschlang. Die späten Griechen lasen Kronos als Chronos und sahen in diesem Gott den Vater der Zeit mit seiner unbarmherzigen Sichel. Chronos meint eine bestimmte Qualität von Zeit. Nämlich die messbare Zeit, die in einem gleichbleibendem Rhythmus abläuft, heute sagen wir, - die dem Takt der Uhr verhaftet ist. Die Römer übernahmen diesen Gott Kronos als Saturn. Mit der Sichel war Saturn der Schwellenhüter und hat an den unerbittlichen Lauf der Zeit erinnert, die sich nicht anhalten lässt. Zugleich war Saturn der Ordnungsgebieter.

Es ist gut möglich, dass sich in diesen Mythen von Kronos und Saturn etwas von menschlicher Zerrissenheit im Umgang mit Zeit widerspiegelt. Die fressende Kraft der Zeit, in unsere Gesellschaft heute die zunehmende Geschwindigkeit, die zu dicht eingeteilte Zeit. In Feindschaft mit Himmel und Erde! Die kosmischen Rhythmen, die persönlichen Rhythmen, das unterschiedliche Tempo von Pflanze zu Pflanze, von Tier zu Tier, von Mensch zu Mensch sind damit im Zusammenhang keine Themen. All diese Rhythmen werden von einem vorgegebenen Tempo überlagert.

Ich empfinde diesen Umgang mit der Zeit oft wahnartig. Anders drückt es Verena Kast aus. Sie bezeichnet den heutigen gesellschaftlichen Umgang mit Zeit als „submanisch“. Bei den Griechen gab es noch die „andere Zeit“, den Kairos. Etwas banal übersetzt: „der günstige Augenblick“. Den Gott Kairos stellte man sich als jungen Menschen vor, mit Stirnlocke und kurz geschorenem Hinterkopf. So huscht er an den Menschen vorbei, aber manchen ist es möglich, ihn an dem Schopf zu packen. Das geht aber nur, wenn man ihn kommen sieht. Ist er nur mehr von hinten zu sehen, kann man ihn nicht mehr packen. Er ist der Gott des rechten Augenblicks, der Zeitwende. Im griechischen Testament, dem sog. Neuen Testament bekommt Kairos noch andere Färbungen. Z.B. als erfüllte Zeit.

Der erste Satz, den Jesus nach der Überlieferung des Mk spricht: „Der Kairos ist erfüllt“ (Mk 1/15). Dabei geht es um Ende und Anfang. Dieser Kairos ist mit Rhythmen verwoben, zwischen Ende und Anfang, zwischen Tag und Nacht, mit den Körperrhythmen, mit Atmung, Herzschlag, Verdauung, Menstruation, Ermüdung und Erholung. Die Erd- Sonnen- und Mondbewegungen, Wind und Wetter. All das wirkt rhythmisch ineinander. Bei jedem Rhythmus gibt es den Zeitraum „dazwischen“, manchmal ein Moment, manchmal eine sogenannte Ewigkeit. Viktor Turner, der sich ein Leben lang mit der Erforschung von Rhythmen und Ritualen beschäftigt hat, nennt diesen Moment: „betwixt und between“(Turner, S95). Die Schwelle dazwischen, das, was wir mit „und“ ausdrücken. Einatmen und ausatmen, Ende und Anfang, Fülle und Leere. Dieses und macht den Kairos aus. Aion, wiederum als Gottheit steht für einen langen, unbegrenzten Zeitraum, aber auch für Lebenszeit und für das Leben. Bei Platon fi nden sich chronos und aion als Gegensätze - Zeit und Ewigkeit. Aber Kairos und Aion sind verwandt, nämlich da, wo Augenblicke zur Ewigkeit werden.

Diese unterschiedlichen Zeiterfahrungen spielen ständig in meine psychotherapeutische Arbeit hinein und zunehmend bezeichne ich es als Kunst, mitten im ‚Chronos‘ den ‚Kairos‘ zu bemerken. Im Zeitmaß der messbaren Stunde zu arbeiten und darin zu anderen Zeiterfahrungen zu finden. Die Uhr bestimmt und trotzdem darf der Takt der Uhr nicht bestimmend werden. Es gibt viele und sinnvolle Argumente für den Zeitrahmen der messbaren Stunde. Grenzen, als Struktur und Ordnungshilfe, als Schutz vor einem Zerfl ießen, als Gegenkraft zu Chaoskräften, als ständige Übung, Anfang und Ende zu fi nden, mit den Inhalten zu einer begrenzten Gestalt zu kommen, von einer Wirklichkeit wieder in die andere zu wechseln, als Hilfe zur Sammlung, insgesamt als Lebensübung.

Zunehmend werde ich aber aufmerksamer, welcher Zeitrahmen für die verschiedensten Menschen zuträglich ist. Mit einer vielfältig traumatisierten Frau war es für zwei Jahre nur möglich, zu kommen, wenn sie nach einer halben Stunde wieder gehen konnte. Für sie war dieser kurze Zeitrahmen ein Schutz, um Kontakt in dieser Form auszuprobieren. Eine andere, sexuell schwer traumatisierte Frau trat in jeder Stunde eine Flucht nach innen an, wurde sprach- und regungslos. Mehrere Jahre haben wir das Auftauen im Kontakt geübt, was das Maß von einer Stunde bei weitem überschritten hat. Auffallend ist mir, wie lange es bei manchen Menschen dauert, bis sie das Tempo, mit dem sie herkommen (Auto, Zeitknappheit) aus ihren Gliedern entlassen können. Wie Überforderung durch Tempo mir in der Diagnostik ein Anliegen geworden ist um zu sehen, wie dadurch Krankheitsbilder noch eine ganz eigene Färbung bekommen. Viel gelernt habe ich da von einer Frau, die in der Kindheit an Kinderlähmung erkrankt ist aber wieder gehfähig wurde. Sie ist mir als manisch depressive Frau aus der Psychiatrie überwiesen worden. Sie wurde mit ihrer Erkrankung nie in dem ihr möglichen Tempo respektiert. Im Wesentlichen haben wir an ihrer Verlangsamung gearbeitet, womit die manisch depressiven Episoden viel milder wurden. Seither beschäftigt mich bei Menschen, ob durch gefordertes Tempo, durch aufgezwungeneRhythmen in ihnen etwas verzerrt wird, und sie sich weit distanziert haben vom eigenen Tempo und damit verbunden von ihren eigenen inneren Rhythmen.

So gesehen wird die begrenzte Zeit einer Therapieeinheit zu einem ständigen Übungsfeld, um das innere Tempo, die eigenen Rhythmen wieder zu bemerken. Damit bin ich bei der anderen Zeit, beim Kairos. Die Therapieeinheit als Rahmen, damit Kairos jenseits von Chronos möglich wird. Was ist nun der Kairos im Zusammenhang mit der Therapie? Es sind zwei Aspekte, die mir dazu einfallen. Das was Perls mit dem „Hier und Jetzt“ meint und das, was im Jungschen Ansatz mit Synchronizität gemeint ist. Wenn Raum und Zeit in der Gegenwart auf den Punkt kommen, dann geht es in Perls‘ Sprache um das „Hier und jetzt“. „Es ist unmöglich, im Hier- und Jetzt- zu leben“ und dennoch, nichts existiert außer dem Hier und Jetzt“(F.Perls,1991 S49). Perls blendet dabei, so denke ich, Vergangenes und Zukünftiges nicht aus. „Vergangenes und Zukünftiges orientieren sich fortwährend an der Gegenwart“(Perls 1972 S 111).

Darin sehe ich zweierlei. Zum einen, Vergangenes und Zukünftiges habe ich nicht einfach objektiv zur Verfügung, sondern ich gestalte es in mir immer wieder neu - im Augenblick. In der Therapie ein spannendes Thema! Wann taucht was auf, und in welcher Gestalt In der Sprache der Gestalttherapie - wann schließen sich Gestalten, und wie wird dann Vergangenes und Zukünftiges neu wahr genommen. Das ist ja eng verwoben mit dem Prozess der Veränderung. Und zum anderen: Momente in denen Vergangenes und Zukünftiges abfällt. Zeiten des Staunens, des Verstehens, des Erkennens, der Betroffenheit, des Berührens. D. Sölle nennt das die „mystische Empfindlichkeit, die in uns allen steckt“ (Sölle, 1997, S13).

Vertieft sehe ich im Kairos das, was in vielen meditativen und kontemplativen Wegen gesucht wird. Der zeitlose und bewegungslose Punkt, wo es kein Werden und Vergehen gibt, kein Leben und keinen Tod, sondern nur das unmittelbare Sein, das „ewige Nun“, wie es Meister Eckehard nennt. „Sie weiß nichts vom Gestern noch vom Vorgestern, vom Morgen noch vom Übermorgen, denn in der Ewigkeit gibt es kein gestern und Morgen, da gibt es vielmehr nur ein gegenwärtiges Nun“ (Meister Eckehard, 1979, S161).




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