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Improvisieren – Eine Kunst, auch im Leben

Improvisation – welch eine Kunst. Ohne diese Fertigkeit, dieses "Versuchen und Scheitern", englisch auch "try and error" genannt, würden wir vermutlich noch wie die Steinzeitmenschen leben. In der Musik, im Tanz, auf der Theaterbühne, im Zirkus, im Sport, ja auch im Umgang mit Tieren - überall ist dieses Talent gefragt. Aber im Alltag? Die Lebenskünstler, die Improvisateure, sind nicht nur gut angesehen. Man misstraut ihnen auch, verachtet sie sogar – denn, sie verunsichern uns. Man kann sich auf sie nicht verlassen. Angeblich. In dieser sich ständig wandelnden Welt, gilt das Improvisieren als weiterer Unsicherheitsfaktor. Aber schwimmen wir doch mal mit, erleben wir mit allen Sinnen, wie neue Lebendigkeit – auch neue Sicherheit – entsteht durch das Loslassen alter Strukturen.

Ein Hörfunk-Feature von Monika Mengel, 2012 im WDR 5
> Podcast der gesamten Sendung


Start empty – end full

"Voicestra, we actually together as a group, before we go on stage, we stand in a circle with our hands over each ones heart and silence – three, four, five, six, seven minutes. – To us, the concert begins then – not on stage. It begins off-stage. So we start the concert empty. And walk on stage and we sing. And we usually need to stay singing, gather in a circle in the end of the concert. And we leave the stage full. – We start empty – we end full."

Bobby McFerrin, Stimmenwerkstatt Lörrach, 2007


We play

"Ich versuche bei Auftritten nicht anders zu sein als sonst, was schwierig ist, denn sobald du die Bühne betrittst ... Publikum und Orchester schauen dich erwartungsvoll an. Alle erwarten etwas von dir. Mein höchstes Ziel ist es, den Auftritt als etwas Alltägliches zu betrachten und so natürlich wie alles andere auch zu gestalten. Das hat auch damit zu tun, was ich über Musiker in Afrika weiß. ... Musik gehört so sehr zu ihrem Alltag, dass der bloße Gedanke, Musik würde später und an einem anderen Ort stattfinden ihnen völlig fremd ist. Wenn ich so selbstverständlich auftreten kann, dass ein Auftritt nicht mehr wie ein Auftritt wirkt, dann stimmt die Sache.

Alles, was je komponiert wurde, wurde zuerst improvisiert. Auf irgendeine Art. Ob es der Inspiration eines Komponisten entspringt oder im Kampf im stillen Kämmerlei entsteht, der Ursprung von allem ist Improvisation. Musik entsteht nicht vollendet, sie entwickelt sich irgendwie. ... Alles Schöpferische hat seinen Ursprung in der Improvisation. Mann bewegt sich auf einem schmalen Pfad zwischen Kontrolle, im vollen Besitz der Technik, und Hingabe, wenn man diese Technik ein Stück weit aufgibt. Es ist eine Kombination von beidem, wie rechte und linke Hand. Es ist ein Gleichgewicht. Zu viel Kontrolle führt dazu, dass keine Seele mehr da ist. Wenn du zu viel Zeit mit der Hingabe verbringst, führt das zu unkontrolliertem musikalischen Stammeln. Du denkst nicht mehr, deine Disziplin ist beim Teufel. Es gibt keine Auseinandersetzung. Man braucht beides. Du darfst dir nicht selbst im Weg stehen und musst es einfach geschehen lassen. Das ist so war, so schwierig und so einfach. Du musst dich selbst vergessen, du musst alles vergessen.

Ich muss auf diesen Raum zurückkommen, darum geht es nämlich: einen Raum zu betreten und zu vergessen, dass du einen öffentlichen Auftritt hast. Hier ist es genauso: Lass die Musik durch dich hindurch singen, lass den Tanz durch dich hindurch tanzen!"

Bobby McFerrin im Film "We Play"


Die Kunst der Improvisation

Wie kommt es, dass Musiker ohne notierte Vorgaben und minutiöse Absprachen, stimmig miteinander oder traumwandlerisch alleine improvisieren können? Öffnen sich überraschend ungeahnte Klangräume oder gibt es vorab bestimmte Übereinkünfte und Voraussetzungen? Sind spontane Improvisation und notierte Komposition immer Gegensätze? 

Verschiedene Musiker, wie Keith Jarrett und Bobby McFerrin, Markus Stockhausen, Eckhard Koltermann und Dhafer Youssef erzählen aus ihren unterschiedlichen Perspektiven heraus: Im Sog der Klänge – Die Kunst der Improvisation.

"Wenn Du eine Sache hörst und du dich fragst, "Was kommt als nächstes?" – Das Nächste ist genau das Gegenteil von dem, worauf du vorbereitet bist, das ist Improvisation." Keith Jarrett

"Ich glaube nicht, dass es so etwas, wie eine freie Improvisation gibt. Denn zum Improvisieren muss man Harmonielehre, Kontrapunkt und Improvisieren beherrschen." Derek Bailey

"Wenn Improvisation gelingt, dann gibt es Momente, wo alles verschmilzt. Es kann dann geschehen, dass man in einem Raum reinkommt, des Nichtdenkens, in dem man einfach spielt. Und das ist der schönste Moment oder der befreiendste Moment, wo einfach die Musik fliesst. Die Gedanken sind ganz konzentriert auf das, was im Moment geschieht. Aber man reflektiert es nicht, sondern man erlebt es nur." Markus Stockhausen 

Bobby McFerrin: "Es gibt so viele unbekannte Variablen von Musik – besonders, wenn du improvisierst und du nicht weisst, wie dieser Ausflug ausgeht. Mit geschriebener Musik ist das anders, weil du weist, wohin sie führt. Aber wenn du improvisierst, wirst du davongetragen, wie ein Blatt im Wind." 

"Also ich glaube, dass die Wertigkeiten der improvisierten Musik, dass die genau die gleichen sind, wie bei der komponierten Musik. Der Zauber der improvisierten Musik liegt in der Wahrnehmung des spontanen Entstehens." Eckhard Koltermann 

"Ich habe nie eine Ahnung, bevor ich meinen Mund aufmache. – Singen ist die nackte Wahrheit. Singen ist genau wie die Improvisation. Es ist genau das gleiche. wie wenn man sein Herz auf den Tisch legt. Und ich glaube, das ist sehr, sehr intim halt, – ja. – Ein Risiko eingehen ohne Angst." Dhafer Youssef

Was ist Improvisation?

"In dem Moment, wo ich vor dem Publikum bin, kommt mir schon die erste Idee. Ich bereite mich aber nie so vor, dass ich mir etwas zurechtlege. Sondern, ich begebe mich in die Situation und ich halte vielleicht einen Moment inne, spüre und fang irgendwo an. da, wo es mir am plausibelsten scheint. Und von dort aus spinne ich mir meinen Weg. Ich erlebe nur, dass selbst bei Konzerten Dinge manchmal passieren, die ich bis dahin wirklich noch nie gemacht habe, weil ich mich in eine bestimmte Situation hinein begebe, musikalisch, die nach einem Ausweg ruft. Und dann muss ich diesen Ausweg finden. Also ich baue mir selbst eine schwierige Situation und da muss ich durch und da muss ich raus und weiter und dadurch entsteht etwas Neues." Markus Stockhausen

– Improvisation – abgeleitet vom lateinischen pro-videre, vorhersehen. Durch die Vorsilbe "im-" wird das Gegenteil daraus. Improvisation ist eine, in seinem Ablauf unvorhersehbares Ereignis. Nicht voraussetzungslos, aber unvorhersehbar. 

Der Musikduden schreibt dazu: "Als Gegenbegriff zur schriftlichen Komposition, die von der Darbietung getrennt ist, bezeichnet Improvisation das spontane und gleichzeitige Darbieten von Musik, vor allem im Jazz, aber auch in Teilen der Rockmusik, in einigen Bereichen der europäischen neuen Musik und in den meisten aussereuropäischen Musikkulturen spielt die Improvisation eine wichtige Rolle."

Vor 200 Jahren heißt es im musikalischen Lexikon von 1802 erstaunlich aktuell: "Improvisieren – darunter versteht man in dem eigentlichen Fache der Musik, die Geschicklichkeit eines Tonsetzers, aus dem Stehgreif eine Komposition zu verfertigen und solche sogleich unter Begleitung eines Instruments vorzutragen und sich dabei in einen Zustand zu versetzen, den man die Begeisterung nennet." 

Der amerikanische Sänger Bobby McFerrin erzählt, wie er den Moment des Improvisierens erlebt:

"Wenn ich auf der Bühne stehe, lebe ich ganz in diesem Moment. Nur die Note, die ich gerade singe, zählt. Ich denke nicht darüber nach, was ich gerade tue. Denn sobald ich anfange, logisch darüber nachzudenken und die Musik in eine Kategorie packe, verliere ich mich sofort. Deshalb muss ich meinen spontanen Eingebungen vertrauen, wenn ich improvisiere."

Folgt man den gängigen Vorstellungen von Improvisation, so gilt sie als Paradebeispiel musikalischer Kreativität. Spontanes Handeln unter unberechenbaren Umständen. Augenblickliche Eingebungen aus dem Nichts heraus. Sind diese Erwartungen realistisch? Oder sind es verklärende Mythen? 

Manche Kritiker behaupten, Improvisatoren würden mit vorgestanzten Versatzstücken kokettieren und dem Zuhörer eine schöpferische Scheinfreiheit vorgaukeln. Selbst wenn ein Musiker zurückgezogen in seinem Proberaum vor sich hin improvisiert, sei er nicht frei von den kulturellen Einflüssen seiner Zeit und und stilistischen Vorlieben. Ist voraussetzungslose Improvisation also ein illusionärer Mythos?

1962 schrieb Duke Ellington in einem Artikel für das Musikjournal: "Ich glaube fest, dass noch nie jemand auch nur zwei Takte geblasen hat, die zu hören es wert waren, der nicht wenigstens eine Idee davon gehabt hatte, was er spielen würde. Und zwar, bevor er zu spielen begann. Improvisation besteht darin, einen Einfall hier zu wählen und ihn mit einem anderen musikalischen Einfall zu verbinden. An der Stelle den Rhythmus zu wechseln und an jener eine Pause einzulegen." 

Markus Stockhausen: "Man steht niemals im leeren Raum. Alles, was ich spiele, fußt auf Wissen, musikalischem Wissen, was ich mir erarbeitet habe in früheren Zeiten. Ob das jetzt Skalen sind, Intervalle, Rhythmen, bis hin zu, wie ich einen Ton formuliere, einen Ton ansetze. Das ist natürlich alles Wissen und Können – aber – ich kann es schematisch benutzen oder ich kann es ganz frei benutzen, wie in der intuitiven Musik. Inzwischen ist meine Definition so, dass ich sage, Improvisation ist das Spielen mit bekanntem Material, das variieren von bekanntem Material. Das heißt, man hat eine Sprache, die man eingeübt hat, derer man sich bedient, bestimmte Redewendungen werden da benutzt, also musikalische Floskeln oder Licks, wie die Jazzer sagen."

Die intuitive Musik des Markus Stockhausen: "Intuitive Musik ist für mich das, wo man sich ganz dem Augenblick überlässt und sich auch an keine stilistische Grundlage gebunden fühlt. Natürlich ist intuitive Musik auch Improvisation, aber, es geht darüber hinaus. Dabei kommt es auch, dass man bestimmte Formen verlässt und dann wieder in neue Gewänder schlüpft."  > Video vom Intuitive-Music-and-More Kurs und vom Konzert 2011 in der Bundeskundthalle

Auch Keith Jarrett weiß, wie schwer sein persönlicher Anspruch umzusetzen ist, jedes Solokonzert bei Null zu beginnen und sich von eingefleischten musikalischen Wendungen zu lösen: "Es ist praktisch unmöglich, mich nicht selbst zu zitieren. Nun habe ich in den letzten Jahren versucht, in dieser Welt keine Vorlieben mehr zu haben, so dass die Welt, die ich erschaffe, nicht mehr von meinen Vorlieben geprägt ist. Das ist die Essenz des Ganzen. Man muss hart arbeiten. Ich bin immer extrem streng zu mir. Die ganze Zeit." 

Improvisation ist dann keine Illusion, wenn man akzeptiert, dass musikalische Kreativität nicht im voraussetzungslosen Neuerfinden besteht, sondern im Neuordnen ihrer Bausteine. Niemand würde von einem Schriftsteller erwarten, eine neue Sprache zu erfinden. In Literatur und Musik geht es im kreativen Prozess meist um den überraschenden Gebrauch der Sprache. Um das Neubuchstabieren ihrer Wörter, Silben und Sätze. Revolutionäre Sprünge, wie sie Charly Parker, oder Ornette Coleman sind Ausnahmeerscheinungen. 

Der Bassklarinettist Eckhart Koltermann bringt die Frage der musikalischen Neuschöpfung mit einem Zitat auf den Punkt, dass an die paradoxe Weisheit eines Zenkoans erinnert: "Da kann ich mit dem Satz von dem englischen Saxofonisten Loel Coxhill antworten, der gesagt hat vor 'nem Solokonzert: Every tone I play is improvised, but every tone has been played before." Grundsätzlich glaube ich, dass das menschliche Gehirn einen riesigen Speicherplatz hat, in dem sich viele, viele Dinge, die auch lange zurückliegen, im Unterbewusstsein abgespeichert sind und dass man in guten Momenten sehr komplexe Dinge mimitteinanderteinander verbinden kann, über die man dann hinterher selber erstaunt ist und das ist immer das beste Zeichen, dass man es nicht bewusst gemacht hat. Das passiert mir relativ häufig, dass, wenn ich mal ein gutes Konzert habe, dass ich mich in die Improvisation hineinsteigere und hinterher erstaunt bin, was ich mir da selbst zusammengespielt habe." 

Wenn Eckhard Koltermann über den Zusammenhang von Gehirn und Musik spekuliert, entspricht das in etwa dem Stand der Forschung. Was genau beim musikalischen Improvisieren geschieht, entzieht sich allerdings der exakten Analyse. Wissenschaftliche Experimente sind auf objektive, genau wiederholbare Versuchsanordnungen angewiesen und genau das widerspricht dem Typischen des schöpferischen Ausdrucks: Spontaneität und Einmaligkeit. Doch bestimmte Grundlagen, auf denen sich musikalische Improvisation entfaltet, sind schon bekannt. Besonders das Zusammenspiel von Langzeitgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis.

Wenn Musiker improvisieren, aktivieren sie früher gelernte Fähigkeiten und Hörerfahrungen. Sie liegen im Langzeitgedächtnis sozusagen auf Abruf bereit. Motorische Abläufe beim Spiel von Instrumenten, Regeln der rhythmischen und melodischen Klanggestaltung und die im laufe des Lebens gespeicherten Licks, Skalen und Harmonieverbindungen. Zusätzlich, ähnlich wie auf der Festplatte eines iPods, die im Laufe des Lebens gespeicherten Favoriten des Musikers. 

Das musikalische Langzeitgedächtnis kann als mental repräsentierte Musikbibliothek aufgefasst werden. Neu gehörte Musik wird mit abgespeicherten Mustern verglichen und auf Vertrautheit und musikalischen Sinngehalt geprüft. Als musikalische Imagination kann Musik aus dieser Musikbibliothek abgerufen werden und vor dem inneren Ohr erklingen. 

Der Musikpsychologe Eckart Altenmüller: "Während der Improvisation gelangen Inhalte des Langzeitgedächtnisses kurzfristig in den Arbeitsspeicher des Kurzzeitgedächtnisses, werden dann in Reaktion auf die Vorgabe eines musikalischen Gegenübers in Bruchteilen von Sekunden verglichen, bewertet und in einer musikalischen Reaktion ausgedrückt. All das scheint weder in einem Zustand absoluter Bewusstheit, noch völlig unbewusst abzulaufen. Ehr in einem Zustand den Psychologen tranceartige Aufmerksamkeit nennen." 

Ein Zustand, den Eckhard Koltermann aus seiner Improvisationspraxis gut kennt. "Ich glaube, wenn eine Gruppe ein Maximum an gemeinsamer Improvisationsdichte erreicht, dass dann eine Gedankenschnelligkeit, ein Gedankenflug existiert, der im normalen Leben nicht zu erreichen ist. Der müsste bestenfalls vom Tempo her auf die Warnehmungszeiten eines Jetpiloten oder so kommen. Aber wahrscheinlich ist es sogar noch ein bisschen schneller. Im Grunde genommen glaube ich, dass wenn Leute aufeinander eingespielt sind, dass sie auch Vorentscheidung, dass sie sich vorstellen, wie es in der Zukunft ist, dass man erahnt, wo der Pass hingeht."

Eckart Altenmüller: "Improvisation geschieht in der Vogelperspektive. Der Improvisierende ist Teil des Geschehens und steht gleichzeitig kreativ gestaltend darüber. Der Akt des Improvisierens benötigt also hohe Aufmerksamkeit, da das Zentralnervensystem zahlreiche Aufgaben gleichzeitig bewältigen muss." 

Der Saxofonist Evan Parker nennt den kollektiven Prozess, der entsteht, wenn Musiker improvisierend auf den Bühne stehen "Multimindness". Bewusstsein und Intuition der Musiker lassen ein Informationsfeld entstehen, das über die Grenzen der einzelnen Musiker hinaus geht. 

"Ich würde das für mich so übersetzen, dass es in den besten Momenten, und ich rede wirklich bewusst von den besten Momenten, eine kollektive Wahrnehmung, eine kollektive Aussenwahrnehmung gibt, die zum Teil antrainiert ist aber über sich selbst hinauswachsen kann. Und man kann das als Musiker dann oftmals erkennen, dass die nach 'nem Konzert in der Garderobe sitzen und alle sich entgeistert angucken um zu entdecken, was haben wir denn da gerade gemacht, wie war das denn. Und alle im positiven Sinne völlig geschockt sind über das, was sie da hingekriegt haben und auch wirklich gespürt haben, dass das gerade 'ne Sternstunde war. Ich glaube das haben alle, die diesen Beruf und diese Berufung ernsthaft betreiben schonmal gespürt." Eckhard Koltermann

Wie ein Blatt im Wind.

Zu ganz anderen Klangergebnissen als Eckhart Koltermann kommt zum Beispiel ein populärer Musiker, wie Bobby McFerrin. Er gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten der heutigen Musikszene. Er improvisiert mit den zeitgenössischen Jazzgrößen, platzierte einen Nummer-Eins-Hit in den Charts und dirigiert seit 15 Jahren namhafte Orchester. Darunter die Wiener Philharmoniker. 

Bei seinen Solokonzerten hält der Vokalartist das Mikrofon wie eine Flöte, singt mit geschlossenen Augen, schlägt sich percussiv auf die Brust und zaubert so ein Gesangquartett nebst Rhythmusgruppe hervor. Er stöhnt, wimmert, tiriliert, pendelt zwischen Bass und Falsett. Seine vier Oktaven umfassende Stimme macht möglich, was das Publikum kaum fassen kann: Ein ganzes Orchester in der Kehle eines einzigen Mannes. 

"Eigentlich sind meine Solokonzerte keine Solokonzerte mehr. Sie sind Publikumskonzerte. Weil das Publikum mein Klanginstrument, meine Farbpalette wird. Und ich liebe es, so mit dem Publikum zu improvisieren. – Auf die Bühne zu gehen und nicht zu wissen, was passieren wird. 

Je älter man wird, desto schwerer wird es, zu improvisieren. – Das ist zumindest der Glaube. Wenn du Musik studierst, vergisst du schnell, wie leicht Improvisation ist. Im Grunde ist Improvisation Bewegung. Du singst eine Note – und dann noch eine und wieder eine. Du machst immer weiter. – Doch nach einer Weile fangen die meisten an zu denken und sagen sich "das mocht ich nicht" oder " das war wirklich blöd" und du hörst auf zu singen. Aber Improvisieren bedeutet, immer weiter zu machen. 

Es gibt so viele unbekannte Variablen von Musik – besonders, wenn du improvisierst und du nicht weisst, wie dieser Ausflug ausgeht. Mit geschriebener Musik ist das anders, weil du weist, wohin sie führt. Aber wenn du improvisierst, wirst du davongetragen, wie ein Blatt im Wind.

Improvisieren hat nichts mit Wissen und Können zu tun. – Im Gegenteil. Wenn Du viel über Musik weisst, wird deine Musik vielleicht interessanter, aber – eigentlich brauchst du im Grunde gar nichts, um zu beginnen. – Leg einfach los."

Kinder sind Meister im Improvisieren. Deshalb gibt McFerrin immer wieder spezielle Kinderkonzerte. Als Vater von drei Kindern gehört das spontane Musikmachen auch zu Hause in Philadelphia selbstverständlich zum Alltag. 

"Wenn du Kindern erklärst, was Improvisation ist, dann sagen sie, "das mach ich doch schon dauernd". Und wenn die Leute nach einem Konzert sagen, ich könnte gut mit Kindern umgehen, dann liegt es wohl daran, dass ich mich selbst wohl auch als Kind sehe. Mein wichtigstes Ziel ist, das Kind im Erwachsenen herauszukitzeln. Wir sind so verkrustet, mit Schichten von Erwachsensein, dass wir vergessen, wie frei und spontan Singen sein kann." 

Neben seinen Solokonzerten schätzt McFerrin die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Musikern. Die Magie der Improvisation zeigt sich dann am stärksten, wenn Musiker gemeinsam in den Sog der Klänge eintauchen. Mit einem Musiker hat McFerrin im Laufe der Zeit eine besonders intime musikalische Resonanz entwickelt. Mit dem Pianisten Chick Corea. 

Bobby McFerrin: "Ich weiß nicht, ob man das wirklich erklären kann. Es gibt einige Mitmusiker, bei denen du irgendwie spürst, du gehst für eine lange Zeit gemeinsam einen langen Weg. Aber du siehst verschiedene Dinge. Und irgendwie vervollständigt jeder die Szene um sich herum. Er schaut zum Himmel und du zum Boden. Er schaut nach links und du nach rechts. Aber wir sind beide auf demselben Weg.

Chick und ich haben eine innere Anziehung, die man nicht mit vielen Musikern teilt. Irgendwie wissen wir, was musikalisch passiert und wissen es gleichzeitig nicht. Wir sind wie Abenteurer." 

Es ist wenig bekannt, wie die stark die Solokonzerte von Keith Jarrett die musikalische Improvisation Bobby McFerrin's beeinflusst haben: "Ich fand das Konzept von Keith Jarrett einfach wunderschön. Auf die Bühne hinauszugehen, sich ans Piano zu setzen und einfach zu spielen. Das macht dich sehr offen, sehr verletzlich für die Musik, dein Instrument und das Publikum. Die Wirkung einer Musik, die nur einmal geschieht – die Idee, Musik nicht privat, sondern öffentlich zu erkunden, ist eine enorme Herausforderung. Den Erwartungen des Publikums an eine Improvisation nicht zu entsprechen, es zu einem privaten Abenteuer zu machen, an dem das Publikum aber irgendwie doch teilnimmt – und den Strom deiner privaten Gedanken – ja deines Bewusstseins – erfährt." 

Keith Jarrett gehört zu den Musikern der Gegenwart, deren Spiel neue musikalische Räume geöffnet hat. "Seltsam und extrem ungewöhnlich" nannte der Pianist Paul Bley seine Musik. Und Manfred Eicher, Chef des ECM Labels spricht davon, dass 1972 mit den ersten Soloimprovisationen Keith Jarrett's ein neuer Stern am Improvisatorenhimmel aufging. 

Mit 8 Jahren gibt Keith Jarrett sein erstes klassisches Konzert und lässt das Konzert zur Überraschung der Zuhörer bereits als Kind mit eigenen Improvisationen enden. 

Keith Jarrett: "Schon damals baute ich Improvisationen ein. Ich wusste damals überhaupt nicht, was ich tat. Es ist wie ein roter Faden, der seitdem niemals abgerissen ist. Er zieht sich seitdem durch mein ganzes Musikerleben. Ich improvisierte zwar – Jazz war mein Ding – aber ich wusste nichts darüber. Und dann hörte ich Oskar Peterson. Und irgendwann Ahmad Jamal's Portfolio. Und da machte es klick. Und ich fühlte, das will ich auch können.

Es hat eigentlich noch nie eine Zeit gegeben, in der Improvisation richtig gewürdigt und respektiert worden ist. Sie hat einen ganzheitlichen Anspruch. Sie fordert alles in Dir und das in Echtzeit. Korrekturen sind ausgeschlossen. Das Nervensystem muss auf alles gefasst sein. Und das in einem Maße, wie bei keiner anderen Musik. Im Grunde bin ich ein Improvisator."

Jarrett erzählt, wie sehr ihn der jüdisch dänische Pianist und Komödiant Victor Borge beeinflusst hat. Borge, der 1940 in die USA auswandern musste, stiess die Steifheit des klassischen Konzertbetriebes ab. Deshalb integrierte Borge humoristische Elemente in sein Programm. In den 50er Jahren hatte er eine eigene One-Man-Show am New Yorker Golden Theater: "Music in Comedy". Seine Auftritte wurden auch im Fernsehen ausgestrahlt und gehörten in Jarretts Familie zu deren Lieblingssendungen. 

Keith Jarrett: "Erst viel später habe ich realisiert, dass ich ganz stark von seiner Fähigkeit beeinflusst worden bin. Im gleichen Augenblick von einer Energieebene zu einer anderen zu kommen. Er machte Witze und er machte Musik. Er war zur gleichen Zeit auf beiden Ebenen. Und genau das ist es, was in der Improvisation so wichtig ist. Wenn du eine Sache hörst und dich fragst, was kommt als nächstes. Und das nächste ist genau das Gegenteil von dem, auf das du vorbereitet bist – das ist Improvisation." 

Keith Jarrett ist einer der wenigen Jazzpianisten, die auch klassische Musik einspielen, zum Beispiel Mozart, oder Bach, Händel, Shostakowich. Doch die Arbeit an einem klassischen Repertoire hat ihre Tücken erzählt Jarrett. So kann er beim Erarbeiten der Partituren zwei Monate lang keinen einzigen Jazzriff spielen. Jarrett liebt klassische Musik, doch im Kern schlägt sein Herz für die Freiheit des Jazz:

"Jazz hat für mich mit Ausdehnung zu tun. Klassische Musik mit Kontraktion. Der Spieler ist um die Noten besorgt. Alles existiert schon vorher. – Oh, mein Gott, ich muss diesen Noten gerecht werden. – Der Jazzplayer sagt sich: los geht's, ich bin bereit, zu spielen. Wenn das Publikum da ist, und du dann wirklich loslegst, gibt es für dich als Jazzer keine Grenzen. Wenn du dagegen ein Rezital spielst, ist es für dich gleichgültig, ob du ein super Echo bekommst. Und ich fragte mich, warum geht dir das so. Irgendwas fehlt. Und dann wusste ich es. Ich kannte bereits alles, was passieren könnte. Diese Art von Musik würde keinen direkten Einfluss auf mein Leben haben. Ich habe eine Menge Klassischer Interpreten gesehen. Und meistens meine ich zu sehen, dieser Mensch ist durch sein Spiel nicht transformiert worden. Er ist der Gleiche geblieben."

Komposition und Improvisation

Seit Jahren zieht sich eine kontroverse Auseinandersetzung durch die Musikwelt. Sind Improvisation und Komposition starre Gegensätze oder entstehen nicht auch komponierte Stücke aus der Improvisation? Der Komponist und Improvisator Eckhard Koltermann beschäftigt sich seit den 80ern mit Musik im Grenzbereich zwischen zeitgenössischer Komposition und Improvisation.

Eckhard Koltermann: "Ich glaube, dass die Wertigkeiten der improvisierten Musik, dass die genau die gleichen sind, wie bei der komponierten Musik. Es gibt harmonische Varianten, es gibt sehr disharmonische Varianten, es gibt sehr rhythmisch starke Varianten, es gibt Klangflächen. Von dem musikalischen Material her, ist es nichts anderes als wie bei der komponierten Musik. Der Zauber der improvisierten Musik liegt in der Wahrnehmung des spontanen Entstehens."

Auch ein Komponist setzt sich zwischen der unkonkreten Idee, ein Stück zu schreiben und der Manifestation der ersten Gedanken, dem Unvorhersehbaren aus. – So gesehen improvisiert er. Was bedeutet, dass Komposition ohne Improvisation nicht möglich ist. Doch auch der Entschluss, in einem Konzert frei zu improvisieren folgt letztlich einem Konzept. Nämlich dem, eben kein fest umrissenes Konzept zu haben.

Ausserdem ist kaum ein Improvisator frei von eingefleischten komponierten Wendungen, die beim Spielen auftauchen. Definiert man Improvisation als Auftauchen einer Idee aus dem Unvorhergesehenen, entsteht jede Musik, zumindest im allerersten Anfang durch Improvisation. Und wenn komponieren, zusammensetzen bedeutet, wird auch in der improvisierten Musik komponiert.

Der tunesische Sänger und Oud-Spieler Dhafer Youssef: beschreibt, was für ihn das Einmalige der Improvisation ausmacht: "Improvisieren ist komponieren auf der Stelle. Das ist das geilste dabei, zwei oder drei Menschen auf der Bühne spielen und man glaubt, dass sie komponierte Sachen spielen. Wobei überhaupt kein einziger Akkord, keine einzige Linie, Phrase richtig komponiert ist. Ich glaube nicht, dass es viel Unterschied zwischen Improvisation und Komposition, ausser der Zeit gibt. Und Improvisation ist komponieren und erst zu akzeptieren, wie es ist." – Weshalb sie oft als Realtime-Musik bezeichnet wird – Echtzeitmusik.

Eckhard Koltermann erzählt, dass ein befreundeter Musiker an einer Musikhochschule, den Studenten einen Test vorlegt. Die Studenten sollten raten, welche der vorgestellten Musikstücke komponiert und welche improvisiert waren. Die Trefferquote war bei lächerlichen 22%, der Rest war falsch. 

Koltermann sieht in den letzten 2 Jahrzehnten den Trend, dass die meisten Musiker eine eine Synthese von Improvisation und komponierten Elementen bevorzugen, wie sie der Pianist Paul Bley beschrieben hat: "Ich ziehe nicht gern eine Linie zwischen Komposition und Improvisation. Mein Ziel ist, den Übergang so nahtlos wie möglich zu gestalten, dass das Publikum gar nicht merkt, wo die Komposition aufhört und die Improvisation anfängt." 

Eckhard Koltermann: "Die Risiken einer völlig abgeschotteten improvisierten Musik sehe ich darin, dass sie sich von der Gesellschaft völlig entfernt und damit eigentlich das wichtige, was Menschen öffnen kann, verliert und bei den Menschen eine Gegenhaltung provoziert. Und der Moment der Improvisation, so massiv wie es in den 60er Jahren anfing und sich bis heute entwickelt hat, das ist für mich vergleichbar mit der Geschichte des Flugzeugs. Wenn sie sich die Flugzeuge von 1900 und die, von heute angucken, da ist dann, glaube ich, ein gewaltiger Unterschied. Und es sind Dinge, die in den 60er Jahren passiert sind, die fast gar nicht wahrgenommen wurden, die heute total interessant sind. Und andere Dinge, die damals für die Weltrevolution gehalten wurden, klingen heute ehr etwas altbacken." 

Auch der Trompeter Markus Stockhausen steht einer radikalen Improvisationsszene, die jeglicher Formgebung misstraut, skeptisch gegenüber: "Für mich ist die ganz anarchische, die nichts anderes kann, als zerstörerisch klingen oder destruktiv klingen, die sich nie zu etwas bekennt, zu einer klaren Form oder zu einer Harmonie oder auch zu einem schönen Ton. Diese Musik ist für mich auch einseitig. Genauso wie nur strukturierte, serielle Musik, komponierte Musik auch einseitig sein kann. Wir sind ja sehr lebendige Wesen und wir wollen überall berührt werden, interessiert werden, sowohl im Kopf aber auch im Herzen und im Bauch. Es muss alles ineinanderschwingen."  > Singen und Stille mit Markus Stockhausen, WDR 2013

Markus Stockhausen stellt Musik in einen weiten philosophischen Bezug. Er sieht Komposition und Improvisation im Zusammenhang von Schöpfung und Zerstörung, wie ihn fernöstliche Weltanschauungen, zum Beispiel der Hinduismus verstehen, "wo es immer um diese Dreiheit geht, Schöpfung, Bewahrung und Zerstörung. – Brahma, Vishnu, Shiva. Shiva ist dieses verwandelnde Element, wo eine Form zerstört werden muss, damit sie wieder neu entstehen kann."

Die nackte Wahrheit.

Dhafer Youssef: "Ich bin immer hungrig und durstig nach dem, was auf der Bühne läuft. Es ist für mich ganz, ganz, ganz entscheidend, dass Musiker, mit denen ich spiele, so kreativ sind, dass sie mich zwingen, richtig weit zu gehen. Auf der Bühne zu sein mit Musikern und zu improvisieren und sich dann richtig wohlfühlen, das ist ein musikalischer Orgasmus." 

Dhafer Youssef's Konzerte sind ein Mix aus Komposition und Improvisation. 30 Prozent sind komponierte Bausteine, 70% improvisiert, schätzt er. Im arabischen Raum gibt es, ähnlich wie in der indischen Musik und anders als im westlichen Kulturraum kein komplexes Harmoniegerüst. Mit höchster Raffinesse wird modal improvisiert. Das heißt, über Tonskalen. 

Dhafer Youssef: "Das schwierigste ist, modal zu improvisieren, wenn man über Akkorde singt, das hilft, auch woanders hinzugehen und zurückzukommen. Die großartigen Musiker sind die, die modal improvisieren. Und nicht ein Satz und eine Strophe, sondern richtig eine Stunde lang und sich nicht wiederholen. Zum Beispiel Keith Jarrett. Es hat jeder Angst davor, also alle Jazzer."

Markus Stockhausen: "Dhafer Youssef ist ein Naturtalent. Wenn man seine Stimme anschaut. Wie er fast über fünf Oktaven singen kann. Wie er einfach eine sehr starke und schöne Stimme hat, die weit trägt. – Er hat es zwar nicht gelernt, so wie wir am Konservatorium, Skalen etc. lernen. Aber er ist ein hochmusikalischer Mensch."

Dhafer Youssef: "Meine Stärke ist das Ohr. Wenn ich mich als Musiker sehen will, sage ich, ich bin ein Improvisator. Ich habe nie eine Ahnung, bevor ich meinen Mund aufmache. – Singen ist die nackte Wahrheit. Singen ist genau wie die Improvisation. Es ist genau das gleiche. Es ist genau, wie wenn man sein Herz auf den Tisch legt. Und ich glaube, das ist sehr, sehr intim halt, – ja. – Ein Risiko eingehen ohne Angst."

Musik muss irgendwie schön sein.

Markus Stockhausen hat unzählige Solokonzerte gegeben. Er hat mit Jazzmusikern und Streichquartetten improvisiert, tausende von Laienblechbläsern bei einer Konzertperformance entlang des Rheins dirigiert. Ohne sich in hochdifferenzierte Analysen zu versteigen nennt er als Kriterium für ein gelungenes Konzert:

"Wenn es schön klingt – wenn es einfach gute Musik ist. Egal ob das jetzt komponierte, improvisierte, intuitive Musik ist – wurscht. – Wenn die Musik als Musik spannend ist und überzeugt und nach meinen Auffassungen auch irgendwie schön ist. – Es muss irgendwie schön sein." 

Der ungarische Psychologe Csikszentmihalyi hat in den 70er Jahren eine Begriff geprägt, den Musiker immer wieder benutzen, wenn sie beschreiben, wenn sie vom Sog der Klänge ergriffen werden: "– Flow –. Fluss oder fliessen bezeichnet die ganzheitliche Sinneswahrnehmung, die wir haben, wenn wir mit totalem Engagement handeln. Ein Zustand, der kein bewusstes Eingreifen unsererseits erforderlich macht. In diesem Zustand erleben wir, dass es keine Trennung zwischen Selbst und Umwelt – Reiz und Reaktion gibt."

Markus Stockhausen: "Ja, ich finde diesen Ausdruck des Flows für gut gelungene Improvisation durchaus zutreffend. Wenn man sich selbst übersteigt oder sich selbst vergisst, im Tun höchst konzentriert ist. Da gibt es keine Vergangenheit, da gibt es keine Zukunft. Da ist man vollkommen im Jetzt, wach da und erlebt, wie etwas glückt, wie etwas geschieht. Und es ist das natürlichste der Welt. Im Fluss sein beimImprovisieren – oder auch im Leben. Ich glaube, das ist ein angenehmes, ein schönes Gefühl. Ich habe das Gefühl, ich folge mir selbst. Ich erlaube mir, mir selbst zu folgen. Ich habe mich frei gemacht, vielleicht von sozialen Reglements. Ich habe gelernt, in mich hinein zu hören, das ist ja die Kunst der Improvisation. Ich habe also ein tiefes Vertrauen, dass wenn ich mir folge und wenn ich mich der Situation stelle, dass immer etwas Gutes daraus entsteht."  

Wir alle improvisieren. Es wird improvisiert, wenn unangemeldeter Besuch zu Abendessen kommt oder wenn während des aufwendig mit Folien vorbereiteten Vortrags der Tageslichtprojektor ausfällt. Derartige Alltagssituationen mischen den Trott des Gewohnten auf und bringen ganz unspektakulär Unvorhergesehenes in die Welt. Improvisation ist ein grundlegend menschlicher Faktor. Musikalische Improvisation nur eine Spezialform erzählt Dhafer Youssef: 

"Ich sehe das Leben als den schrecklichsten und den besten Improvisator. Ich meine, das Leben macht was es will mit uns. – Man lebt von Krisen. – Es stimmt nicht, dass man wirklich von Erfolg lebt. Man entwickelt sich, wenn man wirklich eine Krise hat. Ich habe sehr viel gelernt von den Momenten, wo ich ganz nackt bin und die Wahrheit vor der Nase gesehen habe. Ich meine, Improvisation ist, nackt zu sein. Improvisation ist, ehrlich zu sein. Improvisieren, das heißt, du bist ohne Kleider, du bist richtig echt. Da hast du nichts zu verstecken. Aber wenn ich über Musik rede, dann sage ich, Musik ist eine grosse Tür in die Welt. So, dass ich das Gefühl habe, dass ich auch als Mensch mich entwickle. Es ist nicht nur Musik."

Oder in den Worten von Keith Jarrett: "Musik ist das Resultat einer Entwicklung die der Musiker durchlebt. Insbesondere, wenn er Musik auf dem Moment heraus schafft."

Musikfeature von Burkhard Reinartz, WDR 2008


Amygdala – das Kreativ-Zentrum im Gehirn

Kaum ein Monat vergeht ohne neue Nachrichten aus der neurowissenschaftlichen Musikforschung. Nach und nach wird dabei auch der Jazz untersucht. In der ersten Studie dieser Art fanden Charles Limb und Allen Braun 2008 heraus, dass Improvisieren mit einer Deaktivierung eines bestimmten Gehirnbereiches einhergeht, der “das Aufkommen ungefilterter, unbewusster oder zufälliger Gedanken und Empfindungen erlaubt“. 

Der Jazzgitarrist James Fidlon aus Austin/Texas, hat Beobachtungen aus seiner eigenen Spielpraxis zum Thema einer Doktorarbeit gemacht. Die Psychologin Annerose Engel vom Max-Planck-Institut in Leipzig hat 22 Jazzmusiker in ein MRT, auf gut Deutsch “in die Röhre“, gebeten und dort zwischen “improvisierten“ und “imitierten“ Jazz-Schnipseln unterscheiden lassen.

Sendung mit Michael Rüsenberg, WDR 2012


Trance in der Musik

(aus einem WDR-Radio-Feature von Babette Michel, 2007)

Sprecher: Musik und Trance, diese besonderen geistigen Zustände, sind schon seit Jahrtausenden eng miteinander verbunden.

Anne Kaftan: "Unter Trance versteht man einfach einen veränderten Bewusstheitszustand, wobei die Aufmerksamkeit nach innen fokussiert ist. …Trance ist eigentlich ein ganz normaler Zustand, der im täglichen Leben häufig vorkommt. Als Kind ist man permanent in Trance, sobald man spielt. ... Früher waren Trancezustände eine Möglichkeit, um tieferes Wissen zu erlangen. In den schamanistischen Riten wird es heute immer noch zu Heilungsprozessen verwendet. In Trance wird versetzt, um die unbenutzten Ressourcen nutzen zu lernen. Es gibt in jeder Kultur gewisse Rituale, wo auch gemeinschaftlich Trance erlebt wird."

Abdelbassit Nassiri: "Vor Ramadan, da geht's richtig los. In jedem Viertel. Zum Beispiel in Marakesch, woher ich komme, da sind Jugendliche, die wissen alle Bescheid, wo die besten Lilas sind. Wir spielen Gnawa-Musik und das ist Sufi-Musik. Ein Auftritt hat ja eigentlich wenig zu tun mit diesen Lilas. Ich war oft in großen Lilas, wo fast hundert Leute da waren, wo fast 20 Musiker gleichzeitig gespielt haben.

Gnawa-Musik wird gespielt, wenn es gebraucht wird. Wenn eine Frau, ein Mann das Gefühl hat, ich muss diese Musik jetzt hören und ich muss tanzen. Dieser Tanz fängt an langsam, langsam. Und dann geht man, geht man, bis man umfällt. Früher in Discotheken habe ich fast das gleiche gesehen. Das ist diese Trance. Man hat das Gefühl, ein Drang, sie müssen diese Musik, sie müssen drauf tanzen, bis zum Umfallen. Und dann machen sie das einfach. Manche sagen sie sind besessen. Durch diese Trance können Leute mit Messern spielen. Sie können mit Messern versuchen ihre Zunge zu schneiden und es geht gar nicht durch. Dieses Messer ist sehr scharf und da kommt kein Blut raus. Wenn sie in Ohnmacht fallen, wachen sie durch Weihrauch wieder auf. Danach ist man ganz ganz müde, aber man fühlt sich sehr sehr wohl. Dann hat man Ruhe für vielleicht 2 Monate, für 3 Monate, – ja, – bis dieser Drang wieder kommt. Es so eine Liebe in dieser Lila. Es ist nicht agressiv."

Anne Kaftan: "Es ist nachgewiesen, dass in unserem Gehirn nur 5 bis 10% der Aktivität überhaupt ins Bewusstsein kommt. Der ganze Rest passier Unbewusst. Und durch Trance kann man mit diesem Unbewussten in direkten Kontakt kommen und verbinden mit dem Bewusstsein.

In diesen alten, wo die Menschen sich in Ritualen in Trance tanzen oder Musik hören und dabei Trance erfahren, sie haben die Vorstellung, dass sie da in Kontakt mit Gott kommen oder mit ihren Göttern. Und wir formulieren es eben so, dass wir in Kontakt mit unserem Unbewussten kommen.

Wir können davon lernen, dass wir den Weg nach innen wieder finden. Und das ist etwas, was in der westlichen Kultur seit der Aufklärung, seit der technisierung der Gesellschaft vergessen wurde. Man dachte, dass der Mensch durch Technik und durch medizinisches Wissen all seine Probleme lösen kann. Eigentlich waren diese alten Kulturen schon so weit und wussten, dass das Wissen im Prinzip in uns liegt."




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